Montag, 20. Oktober 2008

Die Anonymen

Es ist dunkel, wenn ich los gehe und es ist dunkel wenn ich wieder zurück komme. In der Zeit dazwischen bin ich auf einer Reise durch die Gesellschaft.
Zu erst in der S-Bahn. All diese Dorftrottel, die auf ihrer täglichen Flucht in die nächst größere Stadt sind. Sie wollen alle raus, weg von hier. Wie Ratten verlassen sie das sinkende Schiff mit Namen Kleinstadt.
In der nächsten Stadt kotzt der Zug sie dann aus all seinen Öffnungen in kleinen Haufen auf den Bahnsteig. Dort vereinigen sie sich zu einer grauen Masse mit anonymen Gesichtern. Wie eine ferngesteuerte Gruppe Zombies rauschen sie die Treppen vom Bahnsteig runter. Und ich mitten unter ihnen. Mitgerissen. DAS WILL ICH NICHT!!! Ich bleibe mitten auf der Treppe stehen und sehe zu wie die Anonymen an mir vorbei strömen. Danach verpasse ich meinen Zug, aber das war es wert. Ich halte Pünktlichkeit eh für ein übertriebenes Konstrukt dieser anonymen Gesellschaft. Ich setze mich auf den nächsten Bahnsteig und warte auf den Zug, den ich so eben verpasst habe. Dauert nur eine Stunde. Ich nutze die Zeit und beobachte die Anonymen. Wie sie da stehen, von ihren eigenen Werten und Normen wie Bandage-Sklaven bis zur völligen Reglosigkeit verschnürt. Bloß nicht auffallen.
Als ich, aufgrund der (für meinen Geschmack) viel zu frühen Tageszeit, herzhaft gähne spricht mich eine Anonyme an: "Man hält doch die Hand vor den Mund, wenn man gähnen muss!" Ich lache sie aus und mache mir Gedanken darüber, ob einer von uns beiden wohl sterben muss, wenn ich die Hand nicht vor den Mund halte. Ich schaue die Anonyme an und gähne noch ein mal, ohne Hand versteht sich!

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